Der Weg zum Traumjob für neurodiverse Personen, Teil 6
Es gibt diesen erstaunlich hartnäckigen Mythos, berufliche Wege funktionierten nur dann richtig, wenn man sie allein gehe: Zielstrebig, unbeeindruckt und möglichst ohne sichtbare Unsicherheiten. Hilfe erscheint in diesem Bild schnell wie ein Makel – als hätte der eigene Berufsweg nur dann einen Wert, wenn niemand zwischendurch eine Tür aufhält. Die Realität ist deutlich menschlicher. Kaum ein beruflicher Weg entsteht im luftleeren Raum. Und noch seltener verläuft er so geradlinig, wie Lebensläufe aussehen, wenn sie ordentlich in Stichpunkte gezwängt wurden.
Auch ich habe lange geglaubt, Hilfe anzunehmen bedeute, etwas nicht aus eigener Kraft zu schaffen. Heute sehe ich das anders. Unterstützung zu bekommen ist keine Schwäche, sondern eine Ressource – und oft auch ein Hinweis darauf, dass man clever genug war, nicht jedes Problem allein lösen zu wollen. Berufliche Entwicklung verläuft selten wie eine saubere Aufwärtskurve. Sie gleicht eher einer Wanderung mit Abzweigungen, Umwegen und gelegentlichen Momenten, in denen jemand von außen auf einen Weg zeigt, den man selbst übersehen hat.
Niemand geht seinen Weg alleine
Wenn ich auf meinen eigenen Weg zurückblicke, sehe ich keine gerade Linie. Ich sehe Gespräche. Zufällige Begegnungen. Menschen, die im richtigen Moment eine Frage gestellt haben, auf die ich selbst nie gekommen wäre.
Einige davon begleiteten mich professionell: Berater:innen, Therapeut:innen, Coaches oder Mitarbeitende der Agentur für Arbeit. Andere kannten mich jenseits meiner Bewerbungsmappe – mein Partner, Freund:innen, Familie oder Kolleg:innen. Und dann gab es noch jene, die gar nicht direkt beteiligt waren, sondern einfach durch ihre Geschichten zeigten, dass es mehr als einen „richtigen“ Weg gibt. Manchmal reichte schon das beruhigende Wissen, dass auch andere nicht mit einem perfekten Karriereplan geboren wurden.
Wie unterschiedlich Unterstützung aussehen kann, wurde mir deutlich, als ich meine Freundin Anna zu ihrem beruflichen Weg interviewte.
Ihr Lebenslauf liest sich zunächst wie aus dem Lehrbuch: Nach dem Abitur ein Gap Year, danach ein duales Studium der Wirtschaftsinformatik. Während des Studiums lernte sie ein großes deutsches Softwareunternehmen kennen, in dem sie bis heute arbeitet. Sie durchlief verschiedene Abteilungen und merkte irgendwann: »Das hier kann ich gut – und es macht mir Spaß.« Ein Satz, der erstaunlich selten vorkommt, wenn Menschen über ihre Arbeit sprechen.
Also bewarb sie sich nach dem Studium dort – und wurde angenommen. Gute Noten und aufgebaute Kontakte aus ihrer Praxisphase halfen ihr dabei. Eigentlich ganz unspektakulär, wenn man bedenkt, wie dramatisch Karriererzählungen manchmal klingen.
Heute arbeitet Anna als User Experience Design Specialist im selben Unternehmen. Ihren Job bewertet sie mit acht bis neun von zehn Punkten. Besonders schätzt sie den Gestaltungsspielraum, die Verantwortung im Team und die Flexibilität ihres Arbeitsmodells. Vertrauensarbeitszeit, Weiterbildungen, gelegentliche Dienstreisen und ein Arbeitszeitkonto mit erstaunlich vielen Urlaubstagen sorgen dafür, dass Arbeit und Leben sich nicht gegenseitig im Weg stehen.
Was man in dieser scheinbar geradlinigen Geschichte leicht übersieht: Auch dieser Weg war kein Soloprojekt.
Ihr Vater förderte früh ihr Interesse an Naturwissenschaften und stärkte ihr Selbstvertrauen, jenseits von Stereotypen wie „Ich bin ein Mädchen, ich bin schlecht in Mathe“. Zu Beginn des Studiums half ihr ein Kommilitone dabei, die Programmiererfahrung aufzuholen, die viele andere schon mitbrachten. Während einer Praxisphase lernte sie einen Manager kennen, der später zur entscheidenden Verbindung für ihren Berufseinstieg wurde. Und als sie von der Softwareentwicklung in den Bereich User Experience wechseln wollte, setzte sich ihre fachliche Leitung aktiv dafür ein, dass sie diese Chance bekam.
Das Entscheidende dabei: Niemand hat ihren Weg für sie entschieden. Unterstützung bedeutete lediglich, dass Türen offenstanden, durch die sie selbst gehen konnte.
Anna bezeichnet ihren Lebenslauf selbst als „geradlinig“. Und doch bestand auch er aus Weggabelungen, Begegnungen und Menschen, die im richtigen Moment beteiligt waren. Hilfe anzunehmen war dabei keine Abkürzung. Es war schlicht klug von ihr.
Vielleicht liegt genau hier der entscheidende Punkt: Unterstützung anzunehmen bedeutet nicht, Verantwortung abzugeben. Es bedeutet, Möglichkeiten prüfen und bewusst entscheiden zu können. Manchmal führt das zu einem schnellen nächsten Schritt. Manchmal zu der Erkenntnis, dass man noch warten möchte. Und gelegentlich auch dazu, aktiv um Hilfe zu bitten – eine Fähigkeit, die im Berufsleben manchmal sehr unterschätzt wird.
Jobwege sind selten geradlinig – und das ist kein Makel
Wenn wir an „erfolgreiche“ Lebensläufe denken, taucht oft dieses vertraute Bild in uns auf: Gute Noten, eine solide Ausbildung als Grundlage und anschließend eine stetig aufsteigende Karriereleiter, wie bei Anna. Eine Linie, die ohne größere Abweichungen von A nach B führt. Möglichst ohne Umwege, Pausen oder Richtungswechsel. Doch die Wirklichkeit sieht auch oft anders aus.
Ein gutes Beispiel dafür ist der Lebenslauf von Diana Natterer, Unternehmerin und Gründerin von „Lichterhochzeit“.
Ihr beruflicher Weg begann alles andere als geradlinig. Er begann mit schlechten Schulnoten, einem Schulabbruch und einer begonnenen Ausbildung in der Altenpflege, die sie bereits in der Probezeit verlor. Es folgten eineinhalb Jahre Jobben, bevor sie eine Ausbildung zur staatlich anerkannten Kinderpflegerin begann. Ihr Wunschberuf war das nicht, trotzdem schloss sie mit Bestnote ab. Nicht aus Leidenschaft, sondern aus Disziplin.
Eigentlich wollte sie danach wieder zurück in die Altenpflege. Eine Stelle war bereits in Aussicht. Doch dann ergab sich eine neue Möglichkeit: Der Einstieg in das Unternehmen des Vaters ihres Partners.
Sie begann als Bürokauffrau, übernahm später u.a. die Verantwortung für die Bereiche Spedition und Lager des industriellen Großhandels, während sie nebenbei Messen und Firmenevents organisierte. 2018 konzipierte sie die Einweihung einer großen Lagerhalle mit 2000 Gästen und 2020 das 50. Jubiläum des Unternehmens mit 3000 Gästen. Betrachtet man diese Stationen im Rückblick, wirken sie folgerichtig. Doch sie entstanden nicht aus einem Masterplan, sondern aus Verantwortungsbewusstsein und ihrer Bereitschaft, Aufgaben anzunehmen und in sie hineinzuwachsen.
Der tiefste Einschnitt ihres Lebens kam im November 2023. Ihr Partner verstarb plötzlich. Von einem Tag auf den anderen war sie verwitwete Mutter zweier Kinder und zusätzlich konfrontiert mit familiären Konflikten, rechtlichen Auseinandersetzungen und einer allgegenwärtigen Trauer, die sich nicht abschütteln ließ. Im Interview beschrieb sie es nüchtern: »Es zehrt bis heute an mir.«
Trotzdem traf sie wenige Wochen später eine Entscheidung, die Mut erforderte. Sie verließ das Unternehmen und begann im März 2024 eine Ausbildung als Hochzeitsplanerin. Stabilität für ihre Kinder zu schaffen, wurde zur Priorität. Gleichzeitig wusste sie: Ein klassisches Angestelltenverhältnis passte für sie nicht – also wählte sie den Weg in die Selbstständigkeit.
Interessanterweise entstand diese Idee nicht aus einem langgehegten Traum. Sie stellte ihrem Umfeld eine einfache Frage: »Worin seht ihr mich?« Die Antwort war jedes Mal dieselbe: »Als Hochzeitsplanerin.«
Dass sie diesen Weg ausgerechnet in einer Phase einschlug, in der das Thema Hochzeit für sie persönlich schmerzhaft war, macht ihre Entscheidung umso bemerkenswerter. Sie prüfte den Impuls und begann ihre Ausbildung, die sie mit Auszeichnung und dem Elite-Button abschloss.
Ihre erste eigene Hochzeit war eine große, logistisch anspruchsvolle Veranstaltung mit mehreren hundert Gästen. Genau solche komplexen Feiern sind heute ihr Markenzeichen. In dieser Komplexität, in der Mischung aus Organisation, Verantwortung und emotionaler Begleitung, erkannte sie sich wieder.
Begleitet war ihr Weg von hoher Disziplin, Durchhaltevermögen und einiger Unterstützung. Sie nahm therapeutische Hilfe in Anspruch, besuchte eine spezialisierte Trauerkur und hielt an ihren sportlichen Routinen fest. Ihre Kinder, soziale Stabilität und ein neuer, verständnisvoller Partner wurden ihre tragenden Säulen in einer langen Zeit tiefster Trauer. Und selbst an Tagen, an denen die Zweifel lauter waren als die Zuversicht, stand sie am nächsten Morgen wieder auf und arbeitete weiter. Ungeradlinigkeit bedeutete für sie hierbei nie Beliebigkeit, sondern Anpassungsfähigkeit.
Heute bewertet sie ihre berufliche Erfüllung mit neun von zehn Punkten.
Ihre Vision ist es, mehr Struktur in ihr Unternehmen zu bringen und das Team weiter auszubauen.
Als ich sie fragte, ob sie rückblickend etwas anders machen würde, antwortete sie schlicht:
»Nein.« Sogar über ihre früheren Schulnoten kann sie inzwischen lachen. Sie sieht sie nicht mehr als Makel, sondern als Teil einer Entwicklungskurve, die in kleinen Schritten gewachsen ist.
Wie man an Dianas Beispiel sehen kann, sind ungeradlinige Lebensläufe kein Zeichen von Scheitern. Sie erzählen von Suchbewegungen, von Anpassung an neue Realitäten, von Entscheidungen unter unsicheren Bedingungen. Ein gerader Weg sagt wenig über Belastbarkeit aus. Ein Ungerader offenbart häufig Resilienz und die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, wenn Pläne zerbrechen. Dianas Geschichte zeigt, dass Brüche nicht das Ende einer Entwicklung markieren, sondern manchmal der Moment sind, in dem Klarheit entsteht – nicht trotz der Umwege, sondern durch sie.
Dein Jobweg sollte zu deinem Leben passen – nicht umgekehrt
Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis aus den Interviews, die ich geführt habe: Dein beruflicher Weg muss nicht perfekt sein. Er muss niemanden beeindrucken – und schon gar nicht bei Familienfeiern in drei Sätzen erklärbar sein. Er muss zu deinem Leben passen.
Arbeit ist ein Teil des Lebens, nicht sein Beweisstück. Und berufliche Wege entstehen selten dadurch, dass jemand alles allein plant. Häufig entstehen sie, weil Menschen miteinander sprechen, Ideen teilen, Türen öffnen oder ein Stück gemeinsam gehen.
Wenn ich heute über berufliche Entwicklung nachdenke, sehe ich weniger Karriereleitern als Weggemeinschaften. Menschen, die eine Zeit lang neben mir laufen. Gespräche, die neue Richtungen sichtbar machen. Und die beruhigende Erkenntnis, dass Hilfe anzunehmen kein Umweg ist. Oft ist es genau der Moment, in dem der eigene Weg überhaupt erst erkennbar wird.
Was du dir aus diesem Kapitel mitnehmen kannst
Nimm Unterstützung bewusst in den Blick.
Berufliche Wege entstehen selten allein. Oft sind es Gespräche, Hinweise oder kleine Impulse von außen, die neue Möglichkeiten sichtbar machen. Deshalb lohnt es sich, dein Umfeld einmal bewusst zu betrachten und dich zu fragen: Wer könnte dich auf deinem Weg unterstützen?
Unterstützung muss dabei nicht spektakulär sein. Manchmal steckt sie in einem kurzen Gespräch, einer ehrlichen Rückmeldung oder einem Kontakt, den jemand für dich herstellt. Manchmal ist sie ganz praktisch – etwa in Form von Beratung, finanzieller Hilfe oder dem Hinweis auf eine offene Stelle.
Überlege deshalb konkret:
– Wer in deinem Umfeld kennt deine beruflichen Interessen oder Stärken?
– Wer hat dir vielleicht schon einmal Unterstützung angeboten?
– Wen könntest du um eine Einschätzung oder einen Rat bitten?
Vielleicht waren da bereits Menschen wie:
– eine Vorgesetzte, die dir einmal eine andere Aufgabe oder Position vorgeschlagen hat
– ein Freund oder eine Freundin, der oder die dein Projekt begeistert unterstützt hätte
– eine Kollegin, die sich in dem Bereich auskennt, der dich interessiert
– Familienmitglieder, die dir bei einer Weiterbildung oder Neuorientierung den Rücken stärken würden
Unterstützung anzunehmen bedeutet nicht, Verantwortung abzugeben. Es bedeutet lediglich, vorhandene Ressourcen zu nutzen und Entscheidungen auf einer breiteren Grundlage zu treffen. Du musst zudem nicht jede Hilfe annehmen – aber du darfst sie prüfen.
Betrachte deinen Lebenslauf als Entwicklung – nicht als perfekte Linie.
Karriere wird häufig als Leiter erzählt: Sprosse für Sprosse nach oben, möglichst ohne Richtungswechsel. In Wirklichkeit verlaufen die meisten Berufswege deutlich dynamischer.
Phasen der Orientierung, Umwege oder Neuentscheidungen gehören dazu. Sie sind kein Zeichen von Scheitern, sondern oft Teil eines Lernprozesses. Viele Menschen erkennen erst über Erfahrungen – und über falsche Entscheidungen –, was wirklich zu ihnen passt.
Wenn du auf deinen bisherigen Weg schaust, kann es hilfreich sein, ihn aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Statt nur zu fragen:
– »Warum habe ich mich damals so entschieden?«
stelle dir auch Fragen wie:
– »Was habe ich aus dieser Erfahrung gelernt?«
– »Welche Fähigkeiten habe ich dabei entwickelt?«
– »Was weiß ich heute über mich, das ich früher noch nicht wusste?«
So wird dein Lebenslauf weniger zu einer Bewertung deiner Entscheidungen – und mehr zu einer Dokumentation deiner Entwicklung.
Suche nach deinem roten Faden.
Auch wenn ein Lebenslauf auf den ersten Blick unübersichtlich wirkt, lassen sich oft wiederkehrende Muster erkennen: Interessen, Fähigkeiten oder Arbeitsweisen, die sich durch verschiedene Stationen ziehen.
Versuche deshalb, deinen Weg einmal mit etwas Abstand zu betrachten – so, als würdest du die Geschichte einer engen Freundin oder eines engen Freundes lesen. Häufig fällt es leichter, Zusammenhänge zu erkennen, indem man einen gewissen Abstand dazu gewinnt.
Fragen, die dabei helfen können, lauten:
– Welche Aufgaben haben dir in verschiedenen Situationen besonders gelegen?
– In welchen Momenten hast du Verantwortung übernommen oder Initiative gezeigt?
– Welche Themen oder Arbeitsweisen tauchen immer wieder auf?
Der „rote Faden“ muss dabei nicht offensichtlich sein. Manchmal zeigt er sich erst im Rückblick.
Erlaube deinem Weg, sich zu verändern.
Ein beruflicher Weg muss nicht „perfekt“ sein. Er muss auch nicht jederzeit eindeutig erklärbar sein. Viel wichtiger ist, dass er zu deinem Leben passt.
Arbeit ist ein Teil des Lebens – nicht sein Beweisstück. Deshalb darf sich dein Weg verändern. Er darf Pausen enthalten, Richtungswechsel oder Phasen der Neuorientierung.
Vielleicht liegt eine der wichtigsten Kompetenzen im Berufsleben genau darin: Beweglich zu bleiben, wenn sich Rahmenbedingungen verändern. Entscheidungen zu überprüfen, wenn sie nicht mehr passen. Und neue Möglichkeiten zuzulassen, wenn sie sich zeigen.
Am Ende geht es nicht darum, dass dein Lebenslauf möglichst geradlinig wirkt. Entscheidend ist, ob dein Weg stimmig für dich ist – und ob er Raum für deine Weiterentwicklung lässt.
