Neurodiversi-was? – Was Neurodiversität bedeutet

Der Weg zum Traumjob für neurodiverse Personen, Teil 2

„Neurodiversität“ war für mich lange ein Wort, das ich nicht kannte. Doch auf meinem Weg kam es treu immer wieder auf und ließ nicht vergessen. Vor allem seit dem Tag, an dem mir meine ADHS-Diagnose gegeben wurde.

Ich hatte schon immer das Gefühl, irgendwie anders zu funktionieren. Nicht dramatisch anders – eher subtil. Ich dachte intensiver nach, sprang gedanklich schneller von dem einen Thema zum anderen, verlor mich andererseits dann aber in Details, während andere längst beim nächsten Thema waren. Gleichzeitig vergaß ich Abmachungen, verlegte meine Sachen und fühlte mich schneller überfordert – oder unterfordert. Lange hielt ich das für meine persönlichen Schwächen. Für mangelnde Disziplin. Für ein „das müsste ich eigentlich besser können“.

Erst als ich begann, mich ernsthaft mit meinem ADHS und meiner Neurodiversität auseinanderzusetzen, fiel mir ein riesiger Stein vom Herzen. Nicht, weil plötzlich alles leicht war. Sondern weil endlich etwas Sinn ergab.

Was bedeutet Neurodiversität eigentlich?

Der Begriff Neurodiversität beschreibt die natürliche Vielfalt menschlicher Gehirne. So wie Menschen unterschiedlich groß sind, unterschiedliche Persönlichkeiten haben oder verschieden lernen, denken und fühlen, unterscheiden sie sich auch in ihren neurologischen Strukturen. Kurz gesagt: Gehirne kommen nicht von der Stange – und wären sie es, wäre das ziemlich langweilig.

Neurodiversität ist somit kein Krankheitsbegriff. Es geht nicht um „defekt“ oder „falsch“, sondern um „anders“. Wie bei Betriebssystemen: Manche laufen auf iOS, andere auf Android – beide können großartige Dinge, nur nicht immer mit derselben Anleitung.

Zu neurodiversen Ausprägungen zählen unter anderem:

  • ADHS
  • Autismus
  • Hochsensibilität
  • Lese-Rechtschreib-Schwäche
  • Dyskalkulie
  • Tourette
  • weitere neurologische Besonderheiten

Wichtig dabei ist, dass Neurodiversität ein Spektrum beschreibt. Keine klare Linie, keine einheitliche Erfahrung. Zwei Menschen mit derselben Diagnose können sich komplett unterschiedlich erleben.

Die Stärken von Neurodiversität

Neurodiverse Menschen bringen häufig Fähigkeiten mit, die in klassischen Arbeitsstrukturen entweder übersehen oder falsch eingeordnet werden – dabei sind sie oft echte Superkräfte.

Typische Stärken können sein:

Kreativität und Denken „outside the box“: Verbindungen sehen, wo andere keine vermuten. Ideen spinnen, die nicht „naheliegend“, aber oft überraschend gut sind.

Hyperfokus: Wenn etwas interessiert, dann richtig. Stundenlang. Tief. Intensiv. Mit beeindruckender Detailtiefe.

Empathie und Feinfühligkeit: Stimmungen wahrnehmen, Zwischentöne hören, unausgesprochene Dinge spüren.

Schnelle Auffassungsgabe: Gedankensprünge, Mustererkennung, ungewöhnliche Lösungswege.

Authentizität: Weniger Interesse an Rollen, mehr an Echtheit. Das kann unbequem sein – aber auch sehr wertvoll.

Als Scrum Master (Coach, Moderator und Servant Leader für ein Team, der verantwortlich für die korrekte Anwendung des Scrum-Frameworks ist) hatte ich mit diesen Stärken „einen Stein im Brett“. Ich hatte die Developer in ihren Anliegen zu erhören, mit dem Projektmanagement zu kommunizieren, Reportings zu erstellen und gleichzeitig die Kunden, für die wir arbeiteten, zufriedenzustellen. Die Termine wurden von mir vor- und nachbereitet und das Backlog (eine Liste von Aufgaben für die Developer, die für die Produktentwicklung notwendig sind) musste gepflegt werden. All dies fand parallel statt. Ich hatte eine hybride Form des Scrum-Projektmanagements als Grundlage, an der ich mich zu orientieren hatte – die aber auch viel Raum für Offenheit, Transparenz und Respekt bot.

Rückblickend gab es in meinem Berufsleben viele Situationen, in denen mich meine neurodiversen Stärken getragen haben. Vor allem dann, wenn es komplex wurde. Wenn mehrere Themen gleichzeitig auf dem Tisch lagen, Deadlines ineinandergriffen und niemand so genau wusste, wo man eigentlich anfangen sollte. Genau dort fühlte ich mich oft überraschend wohl.

Ich konnte mich tief in Themen eingraben, Zusammenhänge erkennen, die anderen entgangen sind, und in kurzer Zeit Wissen aufbauen, als hätte jemand einen Schnellvorlauf aktiviert. In meinen Jobs als Beraterin und Managerin war genau das gefragt. Plötzlich auftretende Probleme, hoher Abstimmungsbedarf, viele Stakeholder, wenig Zeit. Mein Kopf liebte dieses Chaos. Während andere Struktur suchten, fand ich Muster.

Auch meine Begeisterungsfähigkeit war lange ein Karriere-Booster. Wenn mich ein Thema gepackt hat, war ich voll drin. Ich habe Verantwortung übernommen, mitgedacht, vorausgeplant, mich reingehängt – oft mehr, als eigentlich notwendig gewesen wäre. Nicht, weil es von mir erwartet wurde, sondern weil es sich innerlich stimmig anfühlte. Diese intrinsische Motivation wurde von außen oft als „hohe Leistungsbereitschaft“ oder „Engagement“ gelesen. Und ja – das war sie auch. Nur kam sie nicht aus Disziplin, sondern aus echtem Interesse.

Dazu kam meine Sensibilität für Stimmungen, unausgesprochene Dynamiken und Risiken. Ich habe früh gespürt, wenn etwas kippte – im Team, im Projekt oder im System. Das machte mich in vielen Situationen wertvoll, gerade dort, wo es um Prävention, Einschätzung und vorausschauendes Handeln ging.

Kurz gesagt: In Phasen, in denen Tempo, Tiefe und Denkfreiheit gefragt waren, war mein neurodiverses Gehirn mein größtes Asset.

Die Herausforderungen – und warum sie real sind

Neurodiversität bringt jedoch nicht nur Stärken mit. Sie bringt auch echte Herausforderungen – vor allem in einer Arbeitswelt, die oft auf Normierung ausgelegt ist.

Häufige Schwierigkeiten sind:

Reizüberflutung: Lärm, Licht, Menschen, Termine, Erwartungen – alles gleichzeitig. Und bitte sofort.

Strukturprobleme: Zeitmanagement, Priorisierung, Organisation fallen schwer – nicht aus Faulheit, sondern aus neurologischen Gründen.

Emotionale Intensität: Kritik fühlt sich manchmal nicht nach Feedback an, sondern nach persönlichem Angriff. Auch wenn sie sachlich gemeint ist.

Erschöpfung & Masking: Viele neurodiverse Menschen passen sich permanent an, um „normal“ zu wirken. Das kostet enorm viel Energie.

Missverständnisse im Job: Direktheit wird als unhöflich gelesen. Rückzug als Desinteresse. Begeisterung als „zu viel“.

So hilfreich meine Stärken auch waren, sie hatten eine Kehrseite. Und die zeigte sich oft leise, schleichend und erst im Rückblick deutlicher. Denn dieselbe Intensität, mit der ich arbeiten konnte, machte es mir schwer, Grenzen zu setzen. Wenn mein Interesse einmal geweckt war, kannte ich kaum ein natürliches Stoppsignal. Pausen fühlten sich unnötig an. Erholung verschiebbar. Schlaf optional.

Im Arbeitsalltag bedeutete das: Ich funktionierte lange sehr gut – bis ich es plötzlich nicht mehr tat. Routinen, die für andere stabilisierend wirkten, waren für mich anstrengend. Wiederkehrende Aufgaben und lange Phasen ohne Abwechslung kosteten mich mehr Energie, als mir zunächst bewusst war. Besonders im Homeoffice wurde das deutlich: Nicht, weil Struktur grundsätzlich schlecht für mich ist – sondern weil die richtige Struktur fehlte. Es gab zwar Termine und To-do-Listen, aber keinen lebendigen Rahmen aus Abwechslung, Austausch und äußeren Impulsen. Genau dieser Rahmen hilft mir, mich zu regulieren, bei mir zu bleiben und meine Energie sinnvoll einzuteilen.

Hinzu kam meine Reizoffenheit. Lärm, ständige Erreichbarkeit, parallele Anforderungen und unausgesprochene Erwartungen haben mich mehr belastet, als ich mir eingestehen wollte. Ich habe lange versucht, das zu kompensieren – mit noch mehr Einsatz, noch mehr Organisation, noch mehr „Zusammenreißen“. Was von außen nach Belastbarkeit aussah, war innerlich oft ein permanenter Kraftakt.

Auch mein hoher Anspruch an mich selbst spielte mir nicht immer in die Karten. Fehler fühlten sich nicht wie normale Lernschritte an, sondern wie persönliche Niederlagen. Und Hilfe anzunehmen stand lange nicht auf meiner inneren To-do-Liste. Ich wollte funktionieren. Ich wollte mithalten und beweisen, dass ich „das schaffe“.

Erst als mein System deutlich auf die Bremse trat – in Form von Erschöpfung und psychischer Erkrankung – wurde mir klar: Meine Herausforderungen waren keine Charakterschwächen. Sie waren das andere Ende derselben Medaille. Und sie wurden vor allem dort problematisch, wo das berufliche Setting nicht zu mir passte.

Diese Erkenntnis kam spät – aber sie war entscheidend. Denn sie hat mir gezeigt, dass es nicht darum geht, meine Stärken zu zügeln oder meine Herausforderungen wegzutherapieren. Sondern darum, ein Umfeld zu finden, in dem beides Platz haben darf, ohne mich dauerhaft auszubrennen.

Was du daraus für dich ableiten kannst

Zum Abschluss dieses Kapitels ein paar Gedanken, die du mitnehmen darfst:

Du bist nicht kaputt.
Wenn dir Arbeit, Kommunikation oder Strukturen schwerfallen, liegt das nicht automatisch an fehlendem Willen. Manchmal passt einfach das System, in dem du dich befindest, nicht zu dir als Mensch. Finde hierfür ein passendes Setting, in dem du dich wohlfühlen kannst – mehr dazu findest du in Kapitel 4, „Das richtige Setting im Überblick“.

Stärken und Herausforderungen gehören zusammen.
Sie sind zwei Seiten derselben Medaille. Deine Sensibilität, Kreativität oder Intensität kommen nicht einzeln, sondern im Paket – und genau darin liegen ihre Kraft und ihre Reibung. Was dich besonders macht, kann dich auch schneller erschöpfen, wenn das Umfeld nicht passt oder Grenzen fehlen. Das Problem ist selten die Stärke selbst, sondern der Umgang mit ihr. Es geht nicht darum, weniger du zu sein, sondern deine Stärken so einzusetzen, dass sie dich tragen – und nicht ausbrennen.

Grenzen setzen ist eine Superkraft, die man erlernen kann.
Grenzen schützen dich dort, wo dein Energielevel sonst leise ausläuft. Sie helfen dir, dich nicht zu verlieren und schaffen Raum für ein ausgeglicheneres Leben. Neben dem hegt es, Grenzen gut setzen zu können, auch den Vorteil, dass sich deine Beziehungen verbessern können. Durch sie kannst du Klarheit, Vertrauen und Respekt schaffen. So bleibst du nicht nur arbeitsfähig, sondern auch bei dir. Und genau darin liegt ihre eigentliche Stärke: Langfristig gesund und auch arbeitsfähig zu bleiben.

Wissen schafft Selbstmitgefühl.
Je besser du verstehst, wie du funktionierst, desto weniger musst du dich ständig selbst antreiben oder verurteilen. Reflektiere dich hierfür regelmäßig selbst (z.B. Journaling/Tagebuch schreiben), lies dich in deine Neurodiversität ein und finde Vertraute, mit denen du über sie sprechen kannst. Hierfür kannst du auch nach Selbsthilfegruppen suchen oder dich auf Social Media weiterbilden. Für Personen mit ADHS kann ich bspw. KirmesImKopf und für Personen mit Autismus Autisplus empfehlen.

Neurodiversität ist keine Ausrede – sondern eine Erklärung.
Erklärungen helfen, bessere Entscheidungen zu treffen. Für deinen Job. Deinen Alltag. Und dein Leben. Desto mehr du über dich selbst weißt, desto besser kannst du deine Gefühle und Bedürfnisse kommunizieren. Selbst in schwierigen Situationen, wie Konflikten. Hierfür kannst du auch die sogenannte „Gewaltfreie Kommunikation“ nutzen.
Es geht also nicht darum, nun jedem sagen zu können: »Hey, Leute, ich bin neurodivers, also akzeptiert mich so, wie ich bin«, sondern darum, dass du dir selbst und anderen Erklärungen für dein Verhalten bietest – und genau deshalb weißt, wo du mit deiner weiteren Persönlichkeitsentwicklung ansetzen kannst.

Zusammengefasst ist es wichtig, dass du weißt, dass du genau so, wie du bist, richtig bist. Es spielt keine Rolle, wie dich andere sehen, sondern wie du dich selbst siehst und wie du mit dir umgehst. Idealerweise selbstmitfühlend, achtsam und aufmerksam – vor allem vor dem Hintergrund deiner persönlichen Stärken und Herausforderungen. Und das ist wichtig, egal, ob du eine neurodiverse oder neurotypische Person bist.