Ich bin nicht gescheitert – ich bin unterwegs

Der Weg zum Traumjob für neurodiverse Personen, Teil 1

Ich stehe am Anfang, während ich mittendrin bin: Irgendwo zwischen einer abgeschlossenen Ausbildung zur biologisch-technischen Assistentin, einem abgeschlossenen Studium zur Betriebswirtin (B. A.), zwölf Jahren Berufserfahrung in der Industrie und den ersten Praktika im Sozialwesen, die in Richtung Ausbildung zur Erzieherin steuern. Vielleicht mein Traumjob? Wer weiß…

Inmitten meiner beruflichen Meilensteine und meiner Zukunft stehe ich: Sophia, Anfang 30 und mit wenig Klarheit darüber, wo und als was ich arbeiten möchte, aber mit einer wachsenden Ahnung davon, wie es sich nicht mehr anfühlen darf. Was diese Phase so widersprüchlich macht, ist genau das, was sie so wertvoll macht: Ich bin nicht gescheitert. Ich bin auch nicht am Ziel. Ich bin an einem Punkt, an dem Stillstand nicht mehr möglich ist – und blinder Aktionismus auch nicht.

Das Gute an meiner Situation ist ein Privileg, das viele nicht haben: Ich darf eine berufliche Rehabilitation machen. Sie gibt mir Zeit, Struktur und einen geschützten Rahmen, um herauszufinden, wo mein Platz im Berufsleben wirklich ist. Und ja – in meinem Fall ist das kompliziert. Seit ich denken kann, war ich von mehreren Dingen gleichzeitig fasziniert. Mein Fokus sprang, mein Interesse verlagerte sich schnell, mein innerer Antrieb folgte keiner geraden Linie. Was heute als ADHS beschrieben wird, war für mich lange einfach ein Gefühl von „Ich bin schlechter als die anderen“. Erst später verstand ich: Ich funktioniere nicht schlechter – ich funktioniere einfach anders.

Was eine berufliche Reha ist und was nicht: Ein Weg zum Traumjob?

Eine berufliche Rehabilitation soll Menschen nach einer gesundheitlichen oder psychischen Krise wieder in das Arbeitsleben begleiten. Nicht mit Druck, sondern mit Aufbau. Mit Zeit. Mit der Möglichkeit, Fähigkeiten neu zu sortieren, Belastbarkeit realistisch einzuschätzen und Perspektiven zu entwickeln, die nicht auf Kosten der eigenen Gesundheit gehen.
Das Ziel ist nüchtern formuliert: Wieder arbeitsfähig werden und den eigenen Lebensunterhalt sichern können. Der Weg dorthin ist alles andere als nüchtern. Er ist emotional, konfrontierend und oft unbequem – aber auch klärend.

»Manchmal läuft es wie von selbst.« – Wenn sich die Dinge fügen

Viele reagieren überrascht, wenn ich erzähle, dass ich mit Anfang 30 eine Reha mache. »Dafür bist du doch viel zu jung.« Was dabei mitschwingt, ist ein für mich seltsamer Gedanke: Dass man erst alt genug sein müsse, um Hilfe anzunehmen. Oder krank genug. Oder gescheitert genug.

Meine Wahrheit ist eine andere: Ich bin in eine gesundheitliche Krise gerutscht, weil ich mein ADHS jahrelang durch Anpassung, Leistung, Perfektionismus und Disziplin kompensiert habe. Irgendwann ging das nicht mehr. Ich ging in eine psychiatrische Klinik, um zu verstehen, wie es weitergeht. Dort arbeitete ich mit Psychiatern, Psychotherapeut:innen und Sozialarbeiterinnen an genau dieser Frage. Und dann kam der Tag, an dem mir eine Reha vorgeschlagen wurde. Ausgerechnet das, was mir lange die Suche nach meinem Traumjob erschwert hatte – mein ADHS –, wurde zum Schlüssel, um meinen Berufsweg richtig durchdenken zu dürfen.

Es war, als hätte das Leben nur darauf gewartet, dass ich den Schritt in diese Richtung unternehme, so schnell ging plötzlich alles vonstatten. Erst Klinikaufenthalt, dann das Erstgespräch bei der Arkade, dann die Formalien zum Festlegen der Reha-Maßnahme, dann das Erstgespräch mit der Agentur für Arbeit. Plötzlich endet die Klinikzeit und die Reha beginnt nach einer Überbrückungszeit in der Ergotherapie, in der ich meinen späteren Partner kennenlernen sollte.

Heute befinde ich mich in einer erfüllenden Partnerschaft und in meiner Reha. Mein Glück: Das Übergangsgeld, das ich monatlich erhalte, ist dank meiner bisherigen beruflichen Laufbahn als ehemalige Beraterin und Managerin gut ausgefallen – und schafft Raum für etwas Entscheidendes: Ehrliche Fragen und Antworten.

Was du von diesem Buch erwarten kannst

In diesem Buch nehme ich dich mit auf meinen Weg – inklusive Umwegen, Fragezeichen, Planwechseln und der leisen (manchmal auch lauten) Erkenntnis, dass berufliche Entwicklung selten so ordentlich verläuft, wie wir es uns mit Anfang zwanzig ausmalen. Spoiler: Der Lebenslauf hält sich selten an unsere Pläne.
Du wirst meine Geschichte lesen und die von anderen inspirierenden Persönlichkeiten, die ihren Platz auch nicht auf direktem Weg gefunden haben – sondern über Abzweigungen, Sackgassen, Neustarts und hilfreiche Zwischenstopps. Menschen, bei denen nicht alles glatt lief und genau deshalb funktioniert hat.

Am Ende jedes Kapitels findest du praktische Ratgeber-Anteile, die dich einladen, deinen eigenen Weg zu reflektieren. Keine To-do-Listen zum Abhaken und kein „Reiß dich zusammen“-Mantra, sondern Denkanstöße, Fragen und Perspektiven, mit denen du ehrlich prüfen kannst:
Was passt zu mir? Was darf bleiben? Und was darf sich verändern?
Du kannst dieses Buch wie einen Freund mit auf deinen beruflichen Weg nehmen – einen, der nicht alles besser weiß, aber gute Fragen stellt. Und während du liest, wirst du merken, dass sich etwas bewegt. Schritt für Schritt, in deinem Tempo, in Richtung deines persönlichen Traumjobs.

Zu Beginn erfährst du, was Neurodiversität eigentlich bedeutet – jenseits von Buzzwords und Schubladen – und welche Stärken und Herausforderungen damit einhergehen können. Wir schauen uns an, welche Inhalte dich wirklich anziehen (und nicht nur „eigentlich sinnvoll“ klingen) und wie du SMART Ziele formulierst, damit du während dieser Lektüre nicht den roten Faden verlierst. Darauf aufbauend richten wir den Blick darauf, was du in deinem Job wirklich brauchst. Wir verschaffen uns gemeinsam einen Überblick über notwendige Rahmenbedingungen und darüber, warum Strukturen im Arbeitsalltag keine Spaßbremsen sind, sondern oft echte Lebensretter. Und warum genau das für neurodiverse Personen häufig den entscheidenden Unterschied macht.

Im weiteren Verlauf geht es darum, was es bedeutet, Hilfe anzunehmen – und warum das nichts mit Scheitern, sondern viel mit Strategie zu tun hat. Du lernst alternative Lebens- und Jobwege von Menschen kennen, die – so wie du und ich – einen anderen Pfad eingeschlagen haben, um zu ihrem Traumjob zu gelangen. Anschließend schauen wir uns passende Fördermöglichkeiten an, die du nutzen kannst, wenn es gerade holpert oder die Ressourcen begrenzt sind. Nicht als Abkürzung, sondern als Stütze auf dem Weg nach vorn.

Schließlich widmen wir uns der Frage, welcher Job überhaupt zu dir passen könnte. Wir beschäftigen uns damit, Bewerbungen zu schreiben und zu verschicken, Praktika zu machen – und aus ihnen zu lernen –, bevor wir darauf eingehen, wie man das passende Team findet. Denn ein Job kann auf dem Papier perfekt sein und sich im Alltag trotzdem gänzlich falsch anfühlen.
Zu guter Letzt gehen wir darauf ein, einen Ausbildungs- oder Studienplatz zu erhalten und die Ausbildung/das Studium zu beginnen. Abgerundet wird dies mit der Frage, wie man während der Ausbildungs-/Studienzeit am Ball bleibt und worauf man während dieser intensiven Zeit zurückgreifen kann, sollte es holpern.

Am Ende dieses Buches hältst du einen Wegbegleiter in den Händen, in dem ich von meinem Leben und dem anderer erzähle und dir mithilfe der Ratgeber-Anteile kleine „Entwicklungs-Bonbons“ mitgebe, die dich auf deinem Weg begleiten sollen. Ich nenne das im Titel „Traumjob“. Du darfst diesen Begriff gern übernehmen – oder ihn leise ersetzen durch etwas Bodenständigeres wie: »Ich habe meinen Platz gefunden.«

Was du daraus für dich mitnehmen kannst

Wenn du dich gerade beruflich verloren fühlst, dann heißt das nicht, dass du keine Richtung hast. Es heißt oft nur, dass du mehrere hast – und gelernt hast, dir selbst nicht zuzuhören.

Ein paar Gedanken, die dir vielleicht helfen können:

Nicht jede Krise ist ein Rückschritt. Manche sind ein notwendiger Stopp, bevor man neu gesammelt weitergehen kann.

Unklarheit ist kein Charakterfehler. Sie ist ein Zustand – und Zustände sind veränderbar.

Psychische Herausforderungen schließen erfüllende Arbeit nicht aus. Sie verlangen nur nach anderen Wegen dorthin.

Zeit ist eine Voraussetzung für gute Entscheidungen. In der Zeit, die man sich nehmen kann, liegen die Antworten auf Fragen, die man sich ohne Zeit nicht beantworten könnte.

Hilfe zu erhalten, stärkt in Potenzen. Ist man in der Lage, Unterstützung anzunehmen, sollte man dies in manchen Lebenslagen dringend in Betracht ziehen, da die „Schwarmintelligenz“ die individuelle meines Erachtens nach übersteigt.

Ich bin noch nicht angekommen. Aber ich bin auch nicht mehr dort, wo ich mich selbst übergangen habe. Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem ein erfüllender Berufsweg überhaupt erst entstehen kann.