Der Weg zum Traumjob für neurodiverse Personen, Teil 4
Seit ich beschlossen hatte, meinen Job als Beraterin in Hamburg an den Nagel zu hängen, begleitet mich eine Frage hartnäckiger als jeder Montagmorgen: „Trägt mein Job eigentlich zu meiner Gesundheit bei – oder sabotiert er sie?“
Früher hätte ich diese Frage wahrscheinlich belächelt. Arbeit war Arbeit. Gesundheit war ein Teil der Freizeit – nicht des Settings. Zwei getrennte Lebensbereiche, die höflich aneinander vorbeiexistierten. Heute weiß ich: Das ist ungefähr so realistisch wie zu glauben, man könne acht Stunden täglich gegen sich selbst arbeiten und abends einfach wieder man selbst sein. Es verbiegt und verzerrt das Selbst.
Wenn Beschäftigtsein keine Lösung ist
2021, mitten in der Pandemie, wurde mir das auf sehr unschöne Weise klar. Eine Depression machte mir das Leben schwer – stumm, zäh und treu. Also tat ich, was ich am besten konnte: Ich wurde aktiv. Sehr aktiv. Aktionismus deluxe. Und plante eine Weltreise.
Nicht, weil es mir gut ging, sondern weil mein Kopf dachte: „Wenn du dich nur genug beschäftigst, merkst du nicht, wie schlecht es dir geht.“ Spoiler: Ich schaffte es bis nach Südfrankreich.
Und so schön Lavendelfelder auch sind – sie ersetzen kein Setting der inneren Stabilität. Man kann seine Probleme eben nicht ausreisen. Man kann sie höchstens in anderen Ländern kennenlernen. Und wie ich erfahren durfte, ist eine schwere Krankheit zu haben schon im eigenen Land eine massive Herausforderung. In einem anderen Land und mit einer Sprache, die man gerade so sprechen konnte, war das noch einmal eine Schippe schwieriger.
Irgendwann lernt man aus seinen Fehlern
Kurz vor Südfrankreich machte ich Halt in Würzburg. Nicht etwa, um zur Ruhe zu kommen oder einfach mal nichts zu tun – das wäre ja auch absurd gewesen. Ich traf dort einen Globetrotting-Autor und -Coach, für den ich parallel zu meinem Job als Beraterin ehrenamtlich arbeitete.
Während andere in einer Krise vielleicht langsamer treten, entschied ich mich für das Gegenteil. Ich plante meine Reise bis ins kleinste Detail, bildete mich weiter, arbeitete regulär – und packte obendrauf noch unbezahlte Projekte, weil Stillstand keine Option war.
Rückblickend war das ein kunstvoll inszeniertes Davonlaufen. Beschäftigt sein fühlte sich sicherer an als innezuhalten. Solange mein Kalender voll war, musste ich mich nicht fragen, wie es mir eigentlich ging.
Ich war überall unterwegs – geografisch, gedanklich, beruflich. Nur nicht bei mir.
Bis ich eines Tages in Roquemaure (einem kleinen Dorf in Frankreich) BetterHelp öffnete und mir eine Online-Therapie genehmigte. Sie öffnete mir eine Welt zur Psychologie und Pädagogik, die mich zu fesseln begann.
Homeoffice: Der Traum, der keiner war
Damals arbeitete ich 100 % im Homeoffice. Keine Kolleg:innen, kein Smalltalk, kein gemeinsamer Kaffee. Nur ich, mein Bildschirm und sehr viel Zeit für meinen Kopf, auf sich selbst gestellt zu sein. Was für viele ein Traum ist, war für mich ein leises Verschwinden. Weg von meiner Kündigung. Weg von der Trennung, die ich erlebt hatte. Weg von dem Ort, den ich mein Zuhause genannt hatte.
Mir fehlte Struktur. Mir fehlte direkter Menschenkontakt. Mir fehlte das Gefühl, gebraucht zu werden – nicht nur per E-Mail.
Das war der Moment, in dem mir klar wurde: „Ein Job muss nicht nur zu meinen Fähigkeiten passen, sondern auch zu meiner Psyche.“ Und meine reagiert nun mal schlecht auf Isolation, Reizarmut und das Gefühl, allein für alles verantwortlich zu sein.
Gesundheit ist kein Bonus – sie ist die Grundlage
Es wird viel darüber geredet, was wir in einem Job leisten können. Viel seltener darüber, was ein Job mit uns macht.
Dabei sind die Fragen doch recht simpel:
„Werde ich durch diese Arbeit stabiler oder erschöpfter?“
„Fühle ich mich nach einem Arbeitstag lebendig oder leer?“
„Unterstützt dieses Setting meine mentale Gesundheit – oder arbeitet es gegen sie?“
In meinem Fall war die Antwort erstaunlich klar:
Homeoffice, kein Menschenkontakt und hoher Leistungsdruck sind nicht gut.
Nicht, weil ich unfähig war. Sondern weil das Setting falsch war. Vor allem an einem Ort, an dem ich voll und ganz auf mich allein gestellt war.
Die Idee vom Gegenteil
Also brach ich die Reise ab, kehrte zurück in meine Heimat und begann eine Therapie in persona. Während dieser Zeit stellte ich mir eine radikale Gegenfrage: „Was wäre eigentlich das Gegenteil von meinem bisherigen Job?“
Weniger Bildschirm. Mehr echte Begegnungen. Mehr unmittelbare Wirkung.
Und plötzlich stand da ein Gedanke im Raum, der sich erstaunlich richtig anfühlte: Das Sozialwesen.
Nicht als fertiger Plan. Nicht als romantisierte Berufung. Sondern als erste Idee, die mir Energie gab, statt sie zu nehmen. Eine Idee, die blieb.
Das richtige Setting schlägt den vermeintlich perfekten Job
Was bedeutet Setting überhaupt?
Zum richtigen Setting gehören viele Dinge. Angefangen beim Arbeitsort (Präsenz, Hybrid oder Homeoffice sowie ob es einen festen Arbeitsplatz gibt, oder man sich an wechselnden Orten aufhält) und der Umgebung (Lärmpegel, Reizdichte und Rückzugsmöglichkeiten). Hin zur sozialen Struktur (Alleinarbeit oder Teamwork sowie Häufigkeit und Qualität von sozialem Austausch) und der Art des Menschenkontakts (formeller oder informeller Kontakt zu den KollegInnen und Grad der emotionalen Arbeit, die verrichtet wird).
Ebenfalls fließt mit ein, wie die Arbeitszeit gestaltet ist (feste Zeiten oder flexible Modelle und Teil- oder Vollzeit) und ob man einen festen Rhythmus hat (Schichtarbeit, Gleitzeit und Pausenregelung). Auch, wie viel Struktur (klare Aufgabenverteilung oder offene Zuständigkeiten sowie Einarbeitung und Feedbackkultur) und Klarheit (vorhersagbarer Arbeitsalltag oder spontane Anforderungen und die Transparenz der Erwartungen) gegeben sind.
Ergänzen kann man diese Liste noch weiter: Es spielen auch der Grad der Autonomie und der Entscheidungsspielraum (hohe Eigenverantwortung oder enge Vorgaben sowie der Einfluss auf die Arbeitsweise und die Prioritäten) eine Rolle. Oder der Sinn, die Wirkung (direkt vs. indirekt) und die Übereinstimmung mit den eigenen Werten – neben den Leistungsanforderungen (Tempo, Arbeitsdichte und Multitasking-Anforderungen) und dem Druck, den man erlebt (Fehlerkultur und unausgesprochene Erwartungen).
Was für viele noch ein entscheidender Punkt ist, sind die Anforderungen an den Körper (vorwiegend Sitzen, Stehen oder in Bewegung sowie körperliche Belastung und Möglichkeiten zur Bewegung im Alltag), den Geist (Verantwortung für andere und Konfrontation mit Krisen, Konflikten und Leid) und die Seele (ob man die Ressourcen zur Selbstregulation besitzt und diese während der Arbeit in gutem Maß einsetzen kann).
Gibt es neben dem Unterstützung (Vorgesetzte als Supporter oder als Stressfaktoren, kollegiale Hilfe sowie Einarbeitung, Supervision, Coaching) und einer hohen Arbeitsplatzsicherheit? Und kann man sich entwickeln (Raum für Neugierde und Weiterbildungsmöglichkeiten) sowie dazulernen im Laufe mehrerer Jahre (realistische Aufstiegschancen)?
Neben diesen Fragen spielt für viele eine Frage eine große Rolle, über die wir häufig sprechen: Das Geld. Wie ist die Bezahlung (Einkommen) und kann ich durch meinen Job meine Existenz absichern (Planbarkeit und Übergangslösungen, sollte ein Sonderfall eintreten, wie die Geburt eines Kindes oder eine Reha)?
Worauf man – aus meiner Sicht – etwas mehr achten darf, ist die Vereinbarkeit mit dem privaten Leben (Freunde, Familie und Hobbys) und der Gesundheit (Arzttermine, Therapie). Hierbei spielen Pausen eine Rolle und ob man in einem angemessenen Rahmen Krankheitstage haben darf. Man sollte sich fragen, wo die eigenen Grenzen liegen, und diese kommunizieren dürfen.
Dies schließt unter anderem die Passung zur eigenen Neurodiversität ein, also wie die Reizverarbeitung in einem evtl. stressigen Arbeitsalltag möglich ist, wo die Aufmerksamkeit und der Fokus liegen und wie man mit der eigenen Energie haushalten kann.
Vielleicht liegt einer der Schlüssel zum Traumjob gar nicht im „Was ist der richtige Job?“, sondern viel mehr in der Frage nach dem richtigen Umfeld. Im Setting. In den Rahmenbedingungen. In der Frage, wie wir arbeiten – nicht nur, als was wir arbeiten.
Manchmal reicht es schon, den Fokus zu verschieben: Von „Was kann ich?“ zu „Was tut mir gut?“
Ein Job muss dich nicht heilen. Aber er sollte dir auch nicht dauerhaft schaden. Und vielleicht ist genau das der erste Schritt zu Arbeit, die sich besser anfühlt: Etwas Passenderes anhand der bisherigen Herausforderungen zu finden.
Heute blicke ich auf die Zeit in Hamburg, in Würzburg und in Frankreich zurück und erkenne den Fehler, den ich gemacht habe. Wer sich schlecht fühlt, braucht Zeit, um wieder auf die Höhe zu kommen, auf der man etwas leisten kann. Und wer in einem beruflichen Setting ist, das dies nicht ermöglicht, muss Abstriche machen – weniger ist in diesem Fall mehr. Mehr Zeit für das eigene Wohlergehen. Mehr Hobbys ohne Leistungsdruck. Mehr Treffen mit Leuten, die man liebhat. Und vor allem eines: Mehr Authentizität.
Was du für dich ableiten kannst
Wenn du dich in Teilen meiner Geschichte wiedererkennst, dann vielleicht deshalb, weil du ebenfalls lange versucht hast, dich selbst an ein Arbeitsumfeld anzupassen, statt das Umfeld zu hinterfragen. Das machen viele von uns. Vor allem diejenigen, die gelernt haben, dass Durchhalten eine Tugend ist.
Dabei ist das Setting oft der unsichtbare Hauptdarsteller unseres Arbeitsalltags.
Bevor du also den nächsten Jobtitel, die nächste Weiterbildung oder den nächsten radikalen Neuanfang planst, lohnt sich ein Schritt zurück – und ein Blick auf die Rahmenbedingungen.
Hierfür kannst du dir aus dem vorherigen Abschnitt zu jedem der aufgelisteten Setting-Variablen notieren, was dein Ideal wäre. Sei mutig genug, von deinem Ideal zu träumen. Schreib es dir auf oder male dir ein „Big Picture“ mit den Rahmenbedingungen, die du gut fändest.
Dein Nervensystem arbeitet mit dir – oder gegen dich.
Arbeit ist neben dem kein rein rationaler Vorgang. Dein Körper und deine Psyche sind immer beteiligt, ob du willst oder nicht.
Frag dich ehrlich:
– Werde ich in diesem Arbeitsumfeld ruhiger oder angespannter?
– Gibt mir mein Arbeitstag Struktur – oder raubt er sie mir?
– Brauche ich mehr Austausch oder mehr Rückzug, als es mein Job erlaubt?
Gerade neurodiverse Menschen profitieren enorm davon, ihr Nervensystem ernst zu nehmen. Das ist kein Luxus. Das ist Selbstfürsorge mit Langzeitwirkung.
Homeoffice ist kein Allheilmittel.
Homeoffice wird oft als Ideal verkauft: flexibel, ruhig, selbstbestimmt. Für manche stimmt das. Für andere ist es Isolation mit Internetanschluss.
Wenn du merkst, dass dir:
– Klare Tagesstrukturen fehlen
– Soziale Kontakte im Arbeitsalltag guttun
– Du dich ohne äußeren Rahmen schneller verlierst
dann ist es kein persönliches Scheitern, sondern ein Hinweis: Dieses Setting passt (gerade) nicht zu dir.
Frag nach dem Gegenteil – nicht nach Perfektion.
Eine der hilfreichsten Fragen in meiner eigenen Orientierung war nicht:
„Was ist mein Traumjob?“
sondern:
„Was wäre das Gegenteil von dem, was mir gerade schadet?“
Das kann heißen:
– Weniger Bildschirm, mehr Bewegung
– Weniger abstrakte Ziele, mehr direkte Wirkung
– Weniger Alleinverantwortung, mehr Team
Diese Gegensätze müssen nicht für immer gelten. Aber sie können ein wertvoller Kompass für den nächsten Schritt sein.
Gesundheit ist kein Extra, sondern die Basis.
Wenn du dich ständig selbst regulieren musst, um deinen Job überhaupt zu schaffen, ist das kein Zeichen von Stärke – sondern ein Warnsignal.
Ein gesundes Arbeitssetting:
– Erlaubt Pausen, ohne Schuldgefühle
– Verlangt nicht dauerhaft Selbstverleugnung
– Lässt dich auch an schlechten Tagen noch funktionieren
Arbeit darf fordern. Aber sie sollte dich nicht systematisch abbauen.
Weniger ist manchmal mehr – wirklich.
Vielleicht ist das Unpopulärste, was man in unserer Leistungsgesellschaft sagen kann:
Manchmal ist weniger Arbeit der produktivere Weg.
So erhältst du mehr Zeit für:
– Regeneration
– Beziehungen
– Interessen ohne Leistungsdruck
Das führt oft zu mehr Klarheit, Stabilität und langfristiger Belastbarkeit. Und genau die braucht es, um gute berufliche Entscheidungen zu treffen.
An dieser Stelle möchte ich zudem erwähnen, dass es heutzutage alternative Arbeitszeitmodelle gibt. Geh für dich gedanklich durch, wie viel Prozent du arbeitest und was dein Ideal wäre, um dennoch deine täglichen Ausgaben finanzieren zu können. Wer weiß, vielleicht reichen dir auch 80%, um noch gut durchzukommen.
Zum Schluss – eine Einladung, keine Anleitung.
Du musst nicht heute wissen, welcher der richtige Job für dich ist.
Aber du kannst heute anfangen zu prüfen, welche Bedingungen dir guttun – und welche nicht mehr.
Das richtige Setting ist kein Versprechen auf Glück.
Aber es ist die Voraussetzung dafür, dass du dich nicht ständig selbst verlierst.
Und manchmal ist genau das der mutigste Karriereschritt von allen: nicht höher, schneller, weiter – sondern ehrlicher zu dir selbst zu sein.
